Leonie
Heute möchten wir Ihnen unsere Leonie vorstellen, eine der berührenden Geschichten aus diesem
Jahr. Wie so viele Streunerkatzen wissen wir nicht, was sie alles erlebt hat. Nur, dass wir sie im
Mai diesen Jahres in einem furchtbar schlechten Zustand gefunden haben. Klapperdürr,
ausgehungert, heftiger Durchfall und offensichtlich schon recht betagt.
Aber sie soll ihre Geschichte selbst erzählen...
Mein Name ist Leonie,
der Start in mein Leben war hart, trotzdem genoss ich das Leben (die Zweibeiner sagen 18 Jahre lang). Was die Zweibeiner nicht bemerkten (oder nicht darauf achteten) und mir das Leben ganz schön erschwerte, war, dass ich plötzlich immer riesen Hunger hatte und wenn ich diesen Hunger versuchte zu stillen, wurde es mir anschließend so übel, dass ich das meiste Futter wieder auskotzte. Danach hatte ich wieder tierisch Hunger. Davor war ich, trotz meiner 18 Jahre, eine wunderschöne Katze (in mir steckt das Blut der Aristokratie-Katze, Agyptian Mau, zu erkennen am langen Schwanz, großen spitz
zulaufenden Ohren, grazilen langen Beinen und ein wunderschönes Dreiecksgesicht). Und jetzt: kaum mehr 1,6 kg schwer, struppiges Fell, hervorstechende Knochen, ein Bild des Elends. So konnte es nicht weitergehen. Auf der Suche nach Futter bin ich dann mehrfach bei einer Zweibeinerin vorbei gegangen, die mir Futter hingestellt und mich nicht verjagt hat.
Zu meinem Glück, wie ich heute sagen muss, war die Zweibeinerin aufmerksam, hat eine andere Zweibeinerin angerufen und das Problem mit mir und einer roten Katze (die hat den Rest der Kolonie das Fürchten gelehrt, hihihi) geschildert. Ich glaube allerdings, dass die Aktion eigentlich der Roten galt und nicht mir, nur war ich zum falschen (oder besser zum richtigen) Zeitpunkt am falschen (richtigen) Ort. Vor lauter Hunger bin ich nämlich wieder in den Balkon reingesaust und wollte mit Futter wieder abhauen, aber Himmel hilf, der Ausgang war versperrt und ich wurde „brutal“ in eine enge Box gesperrt. In dieser Box wurde ich dann eine gefühlte Ewigkeit in einer geräuschvollen Blechbüchse (die nennen das Auto glaube ich) rumgeschüttelt. Ich wurde bei Menschen in weißen Kitteln abgegeben, die mich in eine etwas größere Box sperrten und an einen
meiner schönen (naja knorrigen) Füße einen Schlauch befestigt haben, der irgendetwas in meinen Körper pumpte. Endlich ließ mal mein Hungergefühl und auch die Übelkeit nach. In dieser größeren Box blieb ich wohl ein paar Tage, so genau weiß ich das nicht mehr, da ich mich ein bisschen in einem Dämmerzustand befand.
Dann eines Abends (weil es dunkel wurde) kam ein Mann, wieder mit so einer kleinen Box, in die ich gesteckt wurde und nahm mich mit. Wieder so eine scheußliche Autofahrt. So langsam stieg Panik in mir auf, dass man mich umbringen will, weil ich krank war. Weit gefehlt. Ich kam in ein großes Haus, mit einigen Artgenossen, die ich gerne begrüßt hätte, aber noch nicht durfte. Vielmehr musste ich in ein kleines, aber im Vergleich zu den bisherigen Boxen doch geräumiges Zimmer, wo ich wieder alleine war. Die nächsten Tage waren nicht besonders schön, denn ich bekam zwar gutes Futter und zwei Mal am Tag musste ich einen eckligen Saft schlucken, aber auch die Übelkeit und der Durchfall kamen zurück. Meine neue Zweibeinerin war sehr besorgt und sprach immer wieder auf mich ein, vergeblich. Nach einem weiteren Tag bei einer Weißkittel und wieder diesem Schlauch, holte mich die Zweibeinerin wieder ab.
Was soll ich sagen: ich darf jetzt im ganzen Haus und auch im Freien (ein eingezäunter Bereich, damit wir sicher sind) herumlaufen, überallhin wo ich will, solange ich zwei Mal am Tag brav meine Säfte (aus vier Spritzen!!!) schlucke. Inzwischen wiege ich stolze 3,9 kg, habe wieder das schöne seidige Fell und bin eine edle erhabene Senioren-Schönheit geworden. Mein altes Leben vermisse ich überhaupt nicht mehr, ich glaube, ich habe das große Los gezogen. Wenn es nach mir geht und die Krankheit mich lässt, bleibe ich da noch viele Jahre.
Noch etwas: eine schlechte Angewohnheit habe ich, das hat mir den Spitznamen „Ronja, die Räuberbraut“ eingebracht. Menschenessen, das unbeaufsichtigt, oder auf das die Menschen nicht aufpassen, wird von mir stibitzt, angefangen von Wurst über Schnitzel bis hin zu Croissants u.ä. Das mögen die beiden lieben Zweibeiner gar nicht und schimpfen mich aus. Lange böse sein können die mir aber nicht.
Bis bald, eure Leonie!
(Oktober 2025)

